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Kein Wunder!
Tagebucharbeit mit „schwierigen Schülern“ (Jörg Knüfken)

Der Autor beschreibt, wie er Tagebucharbeit nach der Freedom-Writers-Methode gemeinsam mit METALOG® training tools bei Jugendlichen einsetzt. In seiner Arbeit an einer Brennpunkthauptschule entwickelt er Strategien zur Persönlichkeitsentwicklung für als „unbeschulbar“ definierten Schülerinnen und Schülern. Die teils sehr persönlichen Tagebucheinträge erlauben einen Blick in die Methodik des Sozialpädagogen.

METALOG® training tools: Tower of Power, TeamNavigator, Pfadfinder, SysTeaming

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Einführung

Ich möchte ein Zitat eines Schülers aus einer 9. Klasse vorwegschicken. Es stammt aus seinem Tagebuch, nachdem es während des Unterrichts zu einer ernsthaften Auseinandersetzung zwischen uns beiden gekommen war. Der Schüler verließ zunächst den Raum, kehrte dann allerdings nach kurzer Zeit wieder zurück. Ich forderte ihn auf, in sein Tagebuch zu schreiben:

„Entschuldigung, Herr Knüfken, ich wollte einfach nicht weiter hier arbeiten, wollte die Gruppe wechseln. Das habe ich mir vorgenommen. Kein Bock auf das ganze Theater. Ich habe mir vorgenommen, heute Scheiße zu machen, sodass Sie mich nicht mehr ertragen können. Aber leider hat das nicht geklappt. Sie sind so ein Mensch. Sie sehen, was wir alles so machen. Ich dachte, bei mir würden Sie so etwas nicht checken, weil ich gerade erst seit ein paar Monaten hier bin. Aber jetzt weiß ich, was Sie hier machen und mit uns vorhaben. Sie wollen Helden aus uns machen. Entschuldigung.“

Zwei Stellen aus diesem Zitat möchte ich herausgreifen und erklären. Zum einen möchte ich erläutern, was der Schüler mit dem „ganzen Theater“ meint. Nun, dabei geht es um nichts anderes als um die Durchführung verschiedener METALOG® training tools, die ich im Rahmen meines Projektes als Lernerfahrung anbot.

Zum anderen möchte ich gerne den Satz „Sie wollen Helden aus uns machen.“ herausgreifen. Diese in meinen Augen schmeichelhafte Äußerung meint nichts anderes, als dass die Gruppe merkte, dass ich ihnen viel zutraute – viel mehr als sie sich selbst. Das wurde immer besonders deutlich, wenn ich der Gruppe erfahrungsorientierte Lernangebote in Form von METALOG® training tools als Herausforderung stellte.

Bevor ich den Fokus genau auf die Durchführung dieser Lernprojekte richte, möchte ich etwas ausholen und über mein Projekt, meine Schüler und meine Schule erzählen.

„Das Wunder bleibt aus“
„Destruktiv. Aggressiv. Ablehnend. Diese Beschreibung trifft auf beinahe alle Schüler zu, die einmal wöchentlich im Rahmen des Ganztages zu einer nachmittäglichen AG im Gruppenraum des Schulsozialpädagogen eintreffen. Bis dieser ein gewagtes Experiment eingeht: Er schenkt ihnen ein eigenes Tagebuch …“

Diese Zeilen finden sich auf der Rückseite meines Buches „Das Wunder bleibt aus“ (Knüfken 2013), das ich mit Schülern zweier Brennpunkthauptschulen am Rande des Ruhrgebietes schrieb und veröffentlichte. Die Ausgangssituation gestaltete sich tatsächlich genauso: 16 Jungen und Mädchen aus zwei achten Klassen sollten im Nachmittagsunterricht in einer gemeinsamen, verpflichtenden AG „aufbewahrt“ werden – vor allem, um den Unterricht für die anderen Schüler einigermaßen ungestört abwickeln zu können. Denn „beschulbar“ im klassischen Sinne verhielt sich diese Gruppe bereits im Vormittagsunterricht nur selten. Wie sollte es dann erst nachmittags werden?

Das erste Treffen bestätigte alle Befürchtungen, ich kann es bis heute in meinem Projekttagebuch nachlesen. Dort heißt es: „Es war furchtbar. Ich hatte ein Lernprojekt1 im Programm, eine Kooperationsübung, die der Teamentwicklung dienen soll. Statt die Aufgabe regelkonform zu lösen, entstand ein wildes Herumgeschreie, auf Türkisch natürlich, mit dem Erfolg, dass sich die Schüler die Spielinstrumente um die Ohren gehauen haben. So mache ich das nicht mit!!! In den nächsten Tagen werde ich nach Filmen recherchieren, sie bestellen, und den Schülern einfach jede Woche einen zeigen. Sie haben Ruhe, ich habe Ruhe, mehr muss ich mir nicht antun!“ Aus diesen Sätzen ist noch deutlich die Frustration herauszulesen, die die Erfahrung der ersten Doppelstunde in mir auslöste.

Die entscheidende Wende leitete der Film „Freedom Writers“ ein, der nach einer wahren Geschichte als Hollywood-Drama mit Hilary Swank in der Hauptrolle verfilmt wurde. 150 Risikoschüler aus einem Vorort von Los Angeles tauschen ihre Waffen gegen Stifte und beginnen, Tagebuch zu schreiben. Ihnen gelingt der Wechsel auf die andere Seite der Straße des Lebens. Angestiftet und berührt durch Bücher wie „Das Tagebuch der Anne Frank“ gehen sie auf eine lange Reise für mehr Toleranz. Sie treffen Miep Gies, Steven Spielberg und andere. Schließlich veröffentlichen sie ihr eigenes Buch, ein Querschnitt aus den eigenen Tagebüchern. Das Buch der „Freedom Writers“ wird zum Bestseller.

Inspiriert von dieser fast unglaublichen Geschichte aus den 90er-Jahren bot ich den Schülern meiner Gruppe ein Spiel an: Es gilt, in einem Jahr fünf Aufgaben zu lösen. Schaffen sie es, lade ich sie auf eine Fahrt nach Amsterdam ein. Sie waren einverstanden. Die erste Aufgabe erschien leicht, entwickelte sich aber zur bedeutungsvollen Grundlage des Projekts. Es galt, sich den Film „Freedom Writers“ anzusehen. Als nächstes sollten die Schüler ihr eigenes Tagebuch schreiben. Außerdem sollten sie zwei Bücher lesen, um sich zusätzlich zum Tagebuchschreiben inspirieren zu lassen – das Buch der „Freedom Writers“ und natürlich das „Tagebuch der Anne Frank“. Und last but not least galt es, fünf Kooperations- bzw. Kommunikationsaufgaben innerhalb eines Schuljahres durchzuführen. Damit hatte ich endlich ein Transportmittel gefunden, um erfahrungsorientiertes Lernen in Gruppen unterzubringen, die sich dieser Methodik sonst gänzlich verweigern und zwar so, wie ich es eingangs in meinem Tagebucheintrag beschrieben hatte.

Die Schüler liebten den Film „Freedom Writers“, wie ihre Tagebucheinträge zeigen, und erkannten Stück für Stück, dass sie in diesem Projekt im Mittelpunkt stehen und sonst nichts:
„An diesem Film hat mir gefallen, dass eine Lehrerin namens Miss G, die eigentlich sehr harmlos ist, es geschafft hat, aus einer schlimmen Klasse, wo alle respektlos und unhöflich waren, nette und gute Menschen zu machen. Viele aus unserer Schule – ich gehöre auch dazu – konnten sich mit den „Freedom Writers“ vergleichen. Der Film sagt mir, dass es sich lohnt, ein guter Mensch zu sein, sich zu benehmen, Respekt zu haben und all diese Sachen. Deshalb möchte ich mich ändern und ein guter, höflicher Mensch sein.“

Ein entscheidender Moment des Projektes war, als ich zum ersten Mal die Tagebücher der Schüler lesen durfte. Offen und ehrlich, völlig unbefangen schrieben sie drauf los und gaben preis, was sie bewegte, beschäftigte und prägte. Zum Beispiel mit diesen Worten:

„Liebes Tagebuch!

Mein schlimmstes Erlebnis war, als mein Vater in den Knast ging und ich ohne ihn aufwachsen musste. Eines Morgens kamen die Bullen und haben meinen Vater mitgenommen. Und da ist die Welt zusammengestürzt. Mein Leben fing an, sinnlos zu werden, ich habe mich für nichts mehr interessiert. Jetzt musste meine Mutter alleine für uns sorgen. Mein Vater ging in den Knast, nur weil er seine Freunde nicht verraten hat. Jetzt verstehe ich, dass Freunde nicht wichtig sind, ich habe gemerkt, dass man nicht allen Menschen vertrauen kann. Meine Familie ist mir wichtiger als alles andere, was es auf der Welt gibt. Ich muss erwachsen werden und auf meine Familie aufpassen.“

Oder so:

„Mein schlimmstes Erlebnis war, als meine Geschwister und ich von meinen Eltern weggenommen wurden. Wir sind alle in unterschiedlichen Heimen untergebracht worden. Meine Eltern durften mich nur einmal in der Woche besuchen, vorher mussten sie sich beim Heimleiter anmelden. Ich musste immer an meine Geschwister denken und war traurig, weil ich meine Eltern nicht sehen konnte. Es war für mich ein richtiges Scheiß-Gefühl, als ich im Heim war.“

Das Wissen um die wirklichen Probleme, Erfahrungen und Lebenswelten der Schüler änderte mein Verhältnis zu ihnen völlig. Der Druck, das Misstrauen und viele Negativerfahrungen des Schulalltages blieben vor der Tür unseres Projektraumes. Die Jugendlichen konnten so sein, wie sie waren und brauchten sich nicht mehr zu verstellen. Sie lasen das Tagebuch der Anne Frank, weil sie es wollten. Wir machten kleinere Ausflüge, skypten mit den „Original Freedom Writers“ und fuhren sowohl nach Amsterdam als auch nach Berlin. Und schließlich veröffentlichten wir unser eigenes Buch und drehten einen Film über das Projekt. Seitdem führen wir Lesungen und Workshops durch und bieten Fortbildungen zu allen Themenbereichen des Projektes durch. Die Schüler sind immer dabei und machen jede Veranstaltung zu etwas ganz Besonderem. Immer mit im Gepäck befinden sich die METALOG® training tools, deren Anwendung in meinen Gruppen ich im Folgenden beispielhaft darstellen möchte. Dabei helfen mir auch die Tagebucheinträge der Schüler zu den Aufgaben: Einfach, geradlinig und ehrlich geben sie wieder, wie sie als Schüler die Übungen empfanden und welche Gedanken dazu im Mittelpunkt standen.

METALOG® training tools in der Praxis
Wie bereits erwähnt, galt es für die Gruppen, fünf verschiedene Kooperationsaufgaben innerhalb eines Schuljahres durchzuführen. Erst nachdem eine Aufgabe erfolgreich abgeschlossen war, konnte mit der nächsten Aufgabe begonnen werden.

Als großes Hindernis für die Durchführung erwies sich zunächst einmal, dass das Kommunikationsverhalten der Schülerinnen und Schüler verhinderte, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wie sollte ich eine Übung erklären, wenn die Rahmenbedingungen dies verhinderten? Wie sollte ich die Erfahrungen einer Übung reflektieren, wenn ein gemeinsames Gespräch mangels Einhaltung jedweder Gesprächsregeln nicht möglich war? Und nicht zuletzt heißt es in jeder beiliegenden Anleitung auch noch: „Geben Sie der Übung Sinn!“ Ich entschloss mich dazu, den Weg zu gehen, den ich eigentlich immer wähle: Ich versuchte nicht, die Gruppe so zu bearbeiten, dass sie zu den Übungen passt, sondern modifizierte die Übungen so, dass sie zu den Schülern passten.

Praxisbeispiel Tower of Power: „Erste Herausforderung“

Schnörkellos und ohne Inszenierung präsentierte ich als erste Herausforderung den Tower of Power. In manchen Gruppen dauerte es mehrere Doppelstunden, bis der Turm aus acht Holzklötzen stand. Oftmals standen sich die Schüler bei der Durchführung selbst im Weg und fühlten sich durch die hohe Anzahl an Fehlversuchen bloßgestellt, was immer wieder zum Ausstieg aus der Übung führte, begleitet von Wutausbrüchen und Streitigkeiten.

Besonders bemerkenswert an dieser Stelle scheint mir diese Geschichte: Wir führten die Übung Tower of Power im Rahmen der Dreharbeiten zu unserem Film „Das Wunder bleibt aus – Szenen und Menschen eines erfolgreichen Hauptschulprojektes“ noch einmal durch. Wir spielten nach Drehbuch, also Schnitt für Schnitt, um die gewünschten Bilder zu erhalten. Und selbst da, in einer gestellten Situation etwa eineinhalb Jahre nach Projektbeginn, kam es wieder zu Wutausbrüchen, sodass ein Schüler sogar den Raum verließ. Einmal mehr wurde mich klar, welch emotionale Wirkung die Durchführung der Übungen haben kann.

Mit dem erfolgreichen Abschluss des Tower of Power brach der Bann bei den Schülern und ich konnte die nachfolgenden Übungen immer intensiver ausgestalten. Die Auswertung fand mehrheitlich in den Tagebüchern der Schüler statt. Und darin liest es sich so:

„Das Spiel sah eigentlich total leicht aus, aber als wir es ausprobierten, merkten wir, dass es schwer ist und wir es nur schaffen können, wenn wir zusammenhalten.“

Oder:

„Jaaaaaaaa! Wir haben endlich den ‚Tower of Power‘ bezwungen, wir haben es geschafft. Auch wenn es sich blöde anhört, acht bescheuerte Holzklötze aufeinanderzustapeln. Oh mein Gott, bin ich erleichtert. Wir haben es geschafft und ich bin stolz auf alle.“

Es folgte eine zweite Übung, auf die ich nun etwas detaillierter eingehen möchte.

Praxisbeispiel TeamNavigator: Kooperation und Kommunikation

Der Teamnavigator bietet sich im Anschluss an den Tower of Power besonders gut an, da die Schüler auf ein vertrautes Grundsetting zurückgreifen können, indem sich jeder Schüler durch das Festhalten an zwei Bändern in einer aktiven Rolle ins Geschehen einbringt. Die Regelerklärung erfolgt schnell und einfach, sodass keine langen Vorreden nötig sind, um die Gruppe in Aktivität zu bringen. Ich wählte ein Labyrinth, das sich aus schweren und leichteren Bereichen zusammensetzt.

Auf eine tiefere Inszenierung verzichtete ich genau wie beim Tower of Power, machte mir aber trotzdem Gedanken über die Isomorphie der Übung.

Element im Lernprojekt Bezug zur realen Welt
Schnüre Eigenverantwortung, Beteiligung
Stift Gruppe, der „Reisebus nach Berlin“
Regeln Rahmenbedingungen des Projektes
Labyrinth Der Projektverlauf mit leichten und schweren Aufgaben
Ziel Fahrt nach Berlin

Von Beginn an verlief die Übung3 wesentlich ruhiger und deutlich organisierter, als beim Tower of Power: ein erster Erfolg! Trotzdem ließen die ersten Misserfolge nicht lange auf sich warten. Eine immer wieder zu beobachtende Verhaltensweise war, dass sich einzelne Schüler aus der Übung ausklinkten, weil sie sich nicht wahrgenommen fühlten oder ihre Frustrationstoleranz so niedrig war, dass sich ihre Motivation nach wenigen Fehlversuchen in Lustlosigkeit wandelte.

Ich fand im Übungsverlauf heraus, dass die Gruppe in manchen Momenten einfach die Abkehr vom festen Regelsystem benötigte, um erfolgreich zu sein. So kam ich ihnen als Übungsleiter entgegen und erklärte kurzerhand jeden gemeisterten Abschnitt des Labyrinths für geschafft. Kam es zu einer erneuten Überschreitung der Labyrinthlinien mit dem Stift, konnte die Gruppe an diesem Abschnitt von vorn beginnen und musste nicht das ganze Feld wiederholen. Offensichtlich ermutigte das Entgegenkommen die Gruppe und die Erfüllung der Aufgabe erschien ihnen umsetzbarer als noch kurz zuvor.

Die Stimmung und Einsatzbereitschaft wandelte sich völlig, als ein Schüler die entscheidende und faszinierende Aussage tätigte: „Hey Leute, schaut doch mal hin, das ist hier wie unsere Fahrt nach Berlin. Wir müssen uns nur zusammenreißen und uns auf den Weg machen, dann schaffen wir es auch.“ Der Bann war gebrochen, die erfolgreiche Umsetzung der Aufgabe war nur noch Formsache und der Übungsleiter stand begeistert am Rande und pflegte seine Gänsehaut.

Auswertung
Ähnlich wie bei anderen Tools lud ich die Teilnehmenden auch diesmal wieder ein, über die Erfahrungen des Spiels in ihrem Tagebuch zu reflektieren. Hier einige Auszüge:

„Die Kooperationsaufgabe TeamNavigator gefiel mir sehr gut. Es war schon schwer, allerdings haben wir auch gut in einem Team gearbeitet. Endlich einmal haben wir uns untereinander respektvoll behandelt und die Regeln so eingehalten, dass wir auch etwas schaffen.“

„Der TeamNavigator ist gar nicht so schlimm, wenn sich bestimmte Leute aus unserer Gruppe einfach mal etwas zurückhalten würden. Gerade hier in diesem Projekt sollten wir mehr zusammenhalten, sonst werden wir keine einzige Aufgabe schaffen.“

„Die Aufgabe sah sehr kompliziert aus, aber mit Teamgeist und Respekt war es doch ganz einfach.“

„Als wir anfingen, dem anderen zuzuhören und aussprechen zu lassen, hat es uns sehr geholfen.“

„In diesem Spiel geht es eigentlich um Zusammenarbeit. Doch ich hatte heute keine Lust darauf, weil wir schon so oft daran gescheitert sind. Aber irgendwie waren heute alle so positiv und haben richtig gut mitgemacht. Dann fing ich an uns zu glauben und plötzlich hatten wir es geschafft.“

„Boah, wie geil ist das denn, wir haben den TeamNavi geschafft, ich kann’s kaum glauben.“

Praxisbeispiel Pfadfinder: „Schritt für Schritt“

Nach einiger Praxiserfahrung mit unterschiedlichsten Projektgruppen wurde ich immer mutiger, was die empfohlene Durchführung der Tools betrifft. So wie ich die Übung Pfadfinder in wenigen Sätzen inszenierte und zum Schulabschluss in „Schritt für Schritt“ umtaufte, gab mir die positive Entwicklung meiner Projektgruppen ebenfalls die Möglichkeit, Schritt für Schritt mehr Inszenierung zu wagen. Die Auswertung sollte wiederum weitgehend im Tagebuch erfolgen. So sah es zumindest mein Plan vor …

Zunächst möchte ich wieder meine Gedanken zur Isomorphie des Lernprojektes darstellen:

Element im Lernprojekt Bezug zur realen Welt
Spielfeld/Weg Der Weg zum Schulabschluss
Geld Viel Geld = gute Noten
Regeln Rahmenbedingungen durch viele unterschiedliche Regeln
Du auf dem Feld Eigenverantwortung
Die andere Seite Dein Schulabschluss

Verlauf
Um alle Teilnehmenden in einer aktiven Rolle zu fordern, entschloss ich mich, die große Gruppe in zwei Gruppen mit je 12 Teilnehmende aufzuteilen. Dies führte im Grundsetting schon zu einer ruhigeren Atmosphäre bei der Erklärung der Übung und zu einer wesentlichen Kürzung meines Redeanteils, was sich wiederum positiv auf die Konzentration der Schüler auswirkte. Ansonsten führte ich die Übung durch, wie im Tool-Register auf S. XYZ beschrieben.

Als ich die Übung startete, konnte ich eine mir längst bekannt Herangehensweise beobachten: Die vorgegebene Zeit zur Absprache wurde nicht annähernd ausgeschöpft. Jeder betrachtete das Spielfeld und wartete darauf, dass es losgeht. Als der Durchgang auf mein Signal hin begann, versuchte es jeder „drauf los“, sodass sich die ersten „Doppelfehler“ schon bei der Suche nach dem ersten richtigen Feld ereigneten. Der größte Geldverlust wurde durch die Nichteinhaltung der Schweigeregel verursacht. Und schon nach wenigen Minuten waren alle Ressourcen erschöpft und die Gruppe musste sich geschlagen geben.

Natürlich gab es eine zweite Chance und die Schüler nutzten diese intensiv für Absprachen. Innerhalb von 15 Minuten gelang ihnen der Wechsel auf die andere Seite des Spielfeldes.

Auswertung
Bevor wieder einige Tagebuchzitate als Auswertung folgen, möchte ich von den Minuten direkt nach der erfolgreichen Durchführung des Lernprojekts berichten. Einmal mehr erfolgte die Übertragung der Erlebnisse quasi im Alleingang der Schüler: Sie übertrugen nämlich – tragischerweise, wie ich finde – die Momente, die sie auf dem Spielfeld verbrachten, auf ihren Alltag in der Schule: Sie fühlten sich auf dem Spielfeld teilweise hilflos, ängstlich und natürlich auch allein und setzten dieses Erleben mit ihrem Schulalltag gleich. Sie prangerten an, dass sie von den meisten Lehrern keine erkennbare Unterstützung erfuhren und zeigten sich sehr enttäuscht über die emotionale Kälte der Pädagogen im Schulalltag. Immer wieder würden sie bloßgestellt, wenn sie etwas im Unterricht sagen müssen. Daraus entwickelten sich teilweise regelrechte Ängste vor Fehlern, vergleichbar mit der Situation alleine auf dem Spielfeld. Trotzdem erkannten sie, dass sie die Übung geschafft hatten – und zwar mit einer gelebten Solidarität untereinander.

Einige Tagebucheinträge untermauerten das im Auswertungsgespräch nach dem Lernprojekt Gesagte noch weiter:

„Am Anfang hatten wir fünf Minuten Zeit, uns zu überlegen, wie wir das Spiel schaffen können. Wir haben die Zeit nicht genutzt, weil wir dachten, dass die Übung ganz leicht ist. Dann haben wir natürlich viele Fehler gemacht und unser Geld war schnell weg, auch weil wir so viel geredet haben. Dann bekamen wir eine zweite Chance und haben aus unseren Fehlern gelernt.“

„Beim zweiten Durchgang hatten wir schnell eine Taktik gefunden. Dann haben alle gut mitgemacht und es war ganz leicht, auf die andere Seite zu kommen.“

„Wir brauchen halt immer etwas Übung, bis wir wissen, worum es geht. Und dann schaffen wir es ganz leicht.“

„Wir haben uns schon sehr verändert und uns ganz schön entwickelt. Das merkt man auch an solchen Kooperationsaufgaben.“

„Eigentlich hat das Spiel Spaß gemacht. Aber wir hätten es noch besser hinbekommen können, wenn wir uns mehr konzentriert hätten.“

„Ich fand das Spiel am Anfang sehr schwer und habe deswegen Mist gebaut, um davon abzulenken. In der zweiten Runde haben wir dann alles gegeben und es geschafft.“

„Wie in dem Spiel eben habe ich in der Schule immer Angst, Fehler zu machen. Deshalb melde ich mich auch fast nie. Unsere Lehrer verstehen das nicht, obwohl es denen bestimmt genauso ging. Manchen Lehrern kann man so etwas auch nicht sagen, die verstehen es dann auch wieder nicht.“

„Ich hatte Angst. Angst zu versagen.“

„Ich fand das Spiel eigentlich ziemlich gut. Die negativen Reaktionen, wenn einer einen Fehler gemacht hat, fand ich überhaupt nicht gut. Ich habe im Unterricht regelrecht Angst davor, solche Reaktionen zu bekommen, wenn ich etwas sage. Ich habe mich deswegen in der Schule schon sehr verschlechtert.“

Praxisbeispiel SysTeaming: „Klasse im Gleichgewicht“

Das Lernprojekt SysTeaming setzte ich erstmals etwa zwei Jahre nach Projektbeginn ein. Als letzte Übung vor der anstehenden Belohnungsfahrt sollte sie die Ausgewogenheit des Gruppengefüges hinterfragen. Dazu teilte ich die Projektgruppe in drei Teams à acht Schüler auf, die das Lernprojekt unabhängig voneinander durchführten und auswerteten. Durch die lange Projektdauer und durch die Aufteilung in Achtergruppen war es auch möglich, Gespräche in einer ruhigen und konstruktiven Atmosphäre durchzuführen, die eine Inszenierung des Tools möglich machte.

Element im Lernprojekt Bezug zur realen Welt
Tischplatte Die Klasse
Gewichte Die Schüler
Der Sockel bzw. dessen Höhe Die bereits geschafften Schuljahre
Die Kugel Gefahr des Absturzes bei Ungleichgewicht
Ziel Fahrt nach Berlin

Verlauf
Das Lernprojekt SysTeaming wurde wie im Tool-Register beschrieben durchgeführt. Alle Gruppen führten die Übung auf Anhieb erfolgreich durch, das heißt bereits im jeweils ersten Versuch konnten alle Gewichte auf der Platte abgestellt werden, ohne dass sie herunterfiel. Die Herangehensweise unterschied sich jedoch relativ stark von Gruppe zu Gruppe. Während die eine Gruppe in aller Ruhe Spielstein für Spielstein abstellte und somit den Blinden die Möglichkeit gab, sich auf ihr Gehör zu konzentrieren, führte eine andere Gruppe die Übung in gewohnter Geräuschkulisse durch. Dies störte die Blinden zwar, aber sie hatten längst aufgegeben, sich darüber zu beschweren und handelten nur dann, wenn sie deutlich dazu aufgefordert wurden. Alle Teilnehmer zeigten sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis, was eine ideale Grundlage für ein Auswertungsgespräch bedeutete.

Auswertung
In den drei Auswertungsgesprächen sammelte ich verschiedene Kernaussagen, die sich überschnitten. Diese visualisierte ich auf einem Plakat und präsentierte sie schließlich der Gesamtgruppe. Das Plakat wurde schließlich als „Brücke in den Alltag“ im Klassenraum aufgehängt. Einige ausgewählte Kernaussagen des Auswertungsplakats waren:

  • „Je ruhiger wir uns verhalten, desto konzentrierter können wir arbeiten.“
  • „Um Hilfe bitten ist schwieriger, als Hilfe anbieten.“
  • „Unterstützung tut gut.“
  • „Jeder ist wichtig, damit die Klasse im Gleichgewicht bleibt.“
  • „Wir achten aufeinander, damit alle ihre Positionen behalten.“

Und auch bei diesem Lernprojekt gaben einzelne Tagebucheinträge der Schüler wieder viel Aufschluss über die gemachten Erfahrungen:

„Vor einem halben Jahr hätten wir die Übung niemals geschafft. Es hat sich doch sehr vieles bei uns verändert.“

„Heute haben wir das Spiel ‚Klasse im Gleichgewicht‘ gespielt. Die Übung war gut und hatte sehr viel mit Vertrauen zu tun. Ich hatte zwar Vertrauen zu meinem Teampartner, trotzdem ist es mir schwer gefallen. Aber ich finde, dass wir das ganz gut hinbekommen haben, auch wenn es knapp war.“

„Wir haben die heutige Übung auf Anhieb geschafft. Toll, oder? Wir hatten eine gute Absprache, keine Hektik und viel Ruhe, haben die Übung ernst genommen, waren konzentriert, hatten einen guten Anfang und haben alle motiviert und mit Spaß mitgemacht. Ich finde es super, dass wir es so hinbekommen haben, ein wirklich gutes Gefühl.“

„Ich fand die Übung gut, es war ganz schön schwierig, einzuschätzen, ob man als Blinder jetzt einen Fehler macht oder nicht. Es war auch schwierig, dem anderen zu vertrauen und die Figuren einfach dahin zu stellen, wo ich es sollte.“

„Ich fand es sehr, sehr schwer. Wir benötigen für dieses Spiel viel Ruhe und die haben wir eigentlich nicht, auch nicht im Unterricht.“

„Als Sehender konnte man direkt merken, ob einem der Blinde vertraut oder nicht. Und man hatte richtig Verantwortung für den Blinden. Wir haben uns richtig gut verstanden.“

„Für uns war das ganz ungewohnt, in einem Team zusammenzuarbeiten. Eine ganz neue Erfahrung, die gut getan hat. Die Ruhe dabei hat uns sehr geholfen.“

Fazit

Ich setze METALOG® training tools bereits seit mehreren Jahren in meinen unterschiedlichen Einsatzbereichen an Hauptschulen ein. Neben den bereits erwähnten Tools gehören Kettenreaktion, Flottes Rohr, Balltransport, Das Band und Pipeline zu den am häufigsten von mir verwendeten Lernprojekten. Insbesondere für Schüler der höheren Jahrgänge eignen sie sich sehr, um Gruppenprozesse und Verhaltensweisen offenzulegen. Die Wertigkeit der Tools garantiert, dass sich die Schüler ernsthaft damit beschäftigen, ohne dass sie es als Kinderkram abtun. Für einen gewinnbringenden Einsatz ist sehr viel Fingerspitzengefühl nötig.

Dies gilt im Übrigen auch für die Anwendung der Lernprojekte innerhalb des Kollegiums, mit der ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an die Durchführung des Pfadfinders, an dem das Kollegium analog zu den oben geschilderten Erfahrungen der Schüler im ersten Durchgang scheiterte. Recht erbost beschwerten sich die Kollegen darüber, dass durch die vielen Regeln jeder Spaß an der Durchführung genommen werde und es ohne Spaß ja wohl nicht gelingen könne ... Nur wenige Wochen nach dieser Erkenntnis begannen wir damit, unsere Schulordnung auszudünnen!

Beflügelt durch meine EOL-Trainer-Ausbildung, die ich einige Jahre nach meinen ersten Erfahrungen mit den METALOG® training tools machte, wagte ich auch immer mehr, eigene Tools zu entwickeln bzw. bestehende Übungen im Sinne meiner unterschiedlichen Projektgruppen abzuwandeln. Nun ist es für mich möglich geworden, den Einsatz der Tools zielgerichtet auf die Situation der Gruppe anzuwenden.

Doch die Schüler sehen es mehr pragmatisch als pädagogisch. Und einem dieser Schüler gehört jetzt auch das Schlusswort, natürlich auch diesmal wieder entnommen aus dem Tagebuch:

„Liebes Tagebuch. Seit etwa zwei Jahren bin ich jetzt in dieser Gruppe. Wir haben schon vieles verändert und so manche Dinge weiterentwickelt. Das merkt man auch bei den Kooperationsaufgaben. Wenn ich das mit früher vergleiche, ist das schon eine große Veränderung.“

Wie wahr.

Über den Autor

Jörg Knüfken, Jahrgang 1967, verheiratet, zwei Kinder, ist Diplom-Sozialpädagoge, EOL-Trainer, Freedom Writers Teacher sowie Buchautor und arbeitet seit 2003 an unterschiedlichen Hauptschulen im Kreis Wesel. Zu seinen Aufgabengebieten gehören u. a. die Konzeptionierung, Planung und Durchführung von Projekten, Einzelfallberatung, soziales Lernen, Gewaltprävention, Mediation sowie die Durchführung von Arbeitsgemeinschaften. Er ist Mitbegründer des Vereins „Schreibmodus e. V. – Leben Lernen“, der in ganz Deutschland Lesungen, Workshops und Seminare anbietet und durchführt.

Literatur

Knüfken, Jörg: Das Wunder bleibt aus. Careline Verlag 2013.